„Sie ist zu mir gekommen, mein Eigen, mein Schatz, Gollum…“
Fast wie Gollum auf seinen Ring hab ich auf den Verkaufsstart der Canon 5ds gewartet. Ich hab die Kamera schon vor ein paar Monaten zum ersten Mal in die Hand bekommen (damals noch das Vorserienmodell) und war jetzt sehr gespannt wie sich die finale Version im tatsächlichen Betrieb schlagen wird.
Dank Vorreservierung konnte ich eines der ersten Exemplare ergattern und nach ungefähr einer Woche ausgiebigem Testen (im Studio, bei available light, indoor, outdoor etc) trau ich mich jetzt über eine erste Beurteilung. Weil ich jetzt schon recht oft gefragt wurde was ich von der Kamera halte mach ich das gleich als Blogbeitrag.
Gleich eines Vorweg – ich bin nicht jemand der Ziegelwände fotografiert oder sich stundenlang mit dem Fotografieren von Testcharts im Studio beschäftigt. Ich hab die Kamera ausgepackt, bin losgezogen und hab fotografiert was mir vor die Linse kam. Mir ist wichtig wie ich mit dem Werkzeug arbeiten kann und wie es zu meiner Arbeitsweise passt. Entsprechend „hands-on“ ist auch meine Beurteilung ausgefallen.
Hier hat sich im Vergleich zur 5dIII fast nichts geändert – und das finde ich super. Anders als beim Start eines neuen Office Produktes weiß man wo jeder Knopf sitzt, die Umgewöhnung ist minimal und ich kann sofort intuitiv mit der Kamera arbeiten. Außerdem werde ich meine 5dIII behalten und freu mich dass dann beide Bodies gleich zu bedienen sind. Großes Plus – an Bewährtem soll man ruhig festhalten. Meiner Meinung nach hatte die 5dIII ein geniales Bedienkonzept – eines der besten am Markt – und ich bin froh dass daran nicht herumgedoktert wurde.
So sehr die EDV auch schwitzt und so sehr die Dateigröße schmerzt – 50 Millionen Bildpunkte sind einfach ein Wahnsinn. Bei den ersten Bildern der 5ds am Mac erinnerte ich mich an meinen ersten Kontakt mit Google Earth – reinzoomen, rauszoomen, Spaß haben. Es ist beeindruckend wieviele Details in den Bildern stecken. Diese Auflösung ist für mich auch der einzige Grund die Kamera zu kaufen. Sonst hat sich seit der 5dIII fast nichts getan.
Ich habe derzeit einen Job anstehen bei dem ich mehrere Bilder liefern soll die in einem großen Raum 3 Meter breit aufgehängt werden sollen. Die Betrachter werden recht nah am Bild stehen – und ehrlich gesagt hatte ich ein wenig Bauchweh mit der Auflösung der 5dIII. Das wäre einer der wenigen Fälle im Jahr wo ich mir eine Mittelformatkamera ausgeborgt hätte. Ich habe schon ein paar Testschüsse für den Job mit der 5ds gemacht – und diesmal wird sie mir für die Bilder reichen.
Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Druck, hab auch einen Großformatdrucker im Studio stehen – und die 50 Millionen Bildpunkte lassen natürlich mein Druckerherz höher schlagen. Jedes Pixel das ich nicht interpolieren – also erfinden muss – ist ein Geschenk und da nehm ich die Nachteile der größeren Files gerne in Kauf. Wer für Facebook fotografiert wird 50 Mpx eher als lästig empfinden – außer er entdeckt die Leidenschaft aus Bildausschnitten eigene Bilder zu machen 😉
Im Grunde ist die 5ds ja eine 5dIII mit einem Mega Sensor. Wer die Auflösung nicht benötigt braucht sich die Kamera nicht zu kaufen. Die Serienbildgeschwindigkeit ist eine Spur langsamer (5 statt 6 Bilder) und die Lichtempfindlichkeit lässt sich nicht so hoch drehen (Max. 6.400 vs. 25.600 – die „High“-Werte lass ich hier unberücksichtigt). Wer gerne im Studio direkt in den Computer schießt wird eine große Freude haben – es ist ein USB3 Anschluss verbaut der den USB2 der 5dIII ziemlich alt aussehen lässt.
Flicker-Synchronisation ist auch neu – hab ich haber noch nicht getestet. Das könnte aber ganz lässig sein weil ich ab und zu unter ganz grausamen Bedingungen Karate Fotos für meinen Karateverein mache.
Was ich sehr cool finde ist die Timelapse Funktion. Hier hat man offensichtlich an die große Gruppe der Landschaftsfotografen gedacht. Und man kann endlich die bulb Funktion ordentlich einsetzen – sprich die bulb-Zeit vernünftig einstellen.
Was noch neu ist – der Spiegel klappt nicht mehr mittels Feder sondern motorgetrieben hoch – was sanfter vonstatten geht und dem angeblich etwas empfindlicheren Sensor entgegenkommen soll.
Sehr spannend finde ich die Möglichkeit zu „croppen“ – sprich nicht den vollen Sensor zu verwenden und somit die Brennweite meiner Objektive zu verlängern. Das geht entweder mit Faktor 1,3 oder 1,6. Auflösung ist dann noch genug da – und meine Linsen reichen plötzlich deutlich weiter.
Eines muss ich allerdings sagen: Die Kamera degradiert 16GB Speicherkarten zu Spielzeug und beansprucht massiv Festplatten-Speicherplatz beim Archivieren der Daten. Für mich hieß das – Umstieg auf 128GB Karten – sowohl CF als auch SD (ich speichere gerne gleichzeitig auf zwei Karten). Auf einer 128er Karte ist mit der 5ds genug Platz für ca 1700 RAW Files. Ich erspar euch das Rechnen – eine Rohdatei hat je nach Einstellungen zwischen ca 60MB und 75 MB. Das ist fast die dreifache Größe der Files der 5dIII.
Außerdem hab ich meinen Speicherserver erweitert – damit auch hier nicht zu schnell ein Engpass entsteht.
Die größeren Dateien müssen auch verarbeitet werden – sprich meine Bildbearbeitungsarbeitsplätze kommt deutlich mehr ins schwitzen als bisher. Das ist ganz klar – Photoshop, Capture One und Lightroom müssen sich plötzlich mit deutlich mehr Pixeln beschäftigen – und das dauert einfach länger.
Da ich ab und zu mit Mittelformatkameras arbeite hab ich gewusst was auf mich zukommt – und ehrlich gesagt hab ich es mir schlimmer vorgestellt. Das Geld, das ich geistig schon für ein neues MacBook beiseite gelegt habe (ok – meines ist noch nicht alt, aber vor ca. zwei Wochen hat Apple wieder etwas Leistung draufgemacht und da schielt man gerne mit einem Auge auf die neuen Sachen) darf jetzt noch am Konto bleiben. Wer allerdings jetzt schon am Limit fährt wird mit der höheren Auflösung wenig Freude haben – es dauert einfach alles länger.
Ausserdem hab ich mich jetzt endlich dazu durchgerungen das Creative Cloud Abo von Adobe zu nehmen. Bisher hatte ich Kaufversionen von Photoshop und Lightroom auf meinen beiden Bildbearbeitungsarbeitsplätzen laufen – die wohl mit den neuen Files der 5ds nicht viel anzufangen wissen…
Nach einer Woche Testen in vielen verschiedenen Situationen (diesmal nicht Vorserie sondern wirklich mit dem Serienmodell) kann ich sagen: Alles Humbug was man in den Foren liest über das katastrophale Rauschverhalten und die Unmöglichkeit freihändig zu fotografieren. Klar rauscht die Kamera wenn man die ISO auf Maximum hochdreht. Das tat aber die Vorgängerkamera auch. Aber von Rauschbomber kann gar keine Rede sein. Ich gebs zu – diesmal wollte ich es etwas genauer wissen – und hab das gleiche Bild mit der 5dIII und 5ds gemacht – und die ISO schrittweise bis auf 6400 gestellt. Bis 800 war der Unterschied kaum wahrnehmbar, ab 1600 hat man einen kleinen Unterschied feststellen können, ab 3200 hat man den Unterschied wirklich gesehen und bei 6400 war der Unterschied deutlich. Allerdings hab ich mir dann auch die Mühe gemacht die 50 Megapixel auf die Auflösung der 5dIII herunterzurechnen (ja da war ich ein ganz schlauer Fuchs) und siehe da – das Bild der 5ds stand dem der 5dIII in nichts nach – sondern gefiel mir sogar etwas besser. Somit hab ich für mich beschlossen – absolut praxistauglich.
Zum Thema freihändig fotografieren – hier konnte ich (wie viele Kollegen von mir schon mit der Nikon D800) keinerlei Probleme feststellen. Ich hab absichtlich Landschaftsfotos freihändig gemacht – weil ich es wissen wollte – und siehe da: Ich kann Entwarnung geben – es ist auch mit der 5ds möglich freihändig zu fotografieren. (Sterne und dergleichen werde ich auch weiterhin mit Stativ machen – ich hab zwar eine ruhige Hand, aber irgendwo ist Schluss 😉 )
Ein weiteres ganz lustiges Phänomen geistert durch die Foren: Die tauglichen Objektive für diese Auflösung. Ich seh das sehr pragmatisch: Vorne kommt Licht rein, wandert durch ein paar Schichten Glas und trifft dann auf den Sensor. Wenn man in vernünftige Linsen investiert durchwandert das Licht besseres Glas als wenn man es mit den billigen Versionen versucht. Ein qualitativ hochwertiges Objektiv wird also besser an der Kamera performen als ein nicht so hochwertiges. Und weil ich sehr wenige Physiker kenne die außergewöhnlich gute Fotos machen, aber einige begnadete Fotografen kenne, die keine Ahnung von Physik haben (sondern das „Auge“ und das Gespür für ein Foto) – gehe ich einfach einmal davon aus dass die Physiker und Techniker von Canon genug Ahnung haben was sie tun (und nicht versuchen uns das technisch Unmögliche zu unterjubeln) und konzentriere mich eher darauf Auge und Gespür zu schulen 😉 (und in hochwertige Linsen zu investieren).
Eins muss ich ganz klar sagen: Mittelformat wird wegen der 5ds nicht aussterben. Hier muss man die Kirche im Dorf lassen. Sensorgröße, Farbwiedergabe, Dynamikumfang und Details sind da ganz einfach auf einer anderen Ebene. Und wer das braucht für den gibt’s auch weiterhin keine Alternative als die alten Bekannten Hasselblad, Phase One, Leica oder jetzt Pentax.
Allerdings zu einem ganz anderen Preis UND wesentlich unhandlicher als mit dem netten kleinen und vor allem schnellen Gehäuse der 5ds. (Liebe Freunde der Spiegellosen – bitte nicht lachen – aber gegen eine klassische Mittelformatkamera ist die 5ds entzückend klein *g* )
Ich hab jetzt gerade den Fall dass mir die 5ds dort reicht, wo ich früher eine Mittelformat genommen hätte – und ehrlich gesagt find ich das schon echt sensationell. Und wo immer ich mit dem kleinen, leichten und flexiblen Kleinbild System auskomme werde ich es mit Vergnügen tun!
Mein Fazit für die 5ds lautet daher: Ich find sie super, die Auflösung ist absolut beeindruckend und ich kann sie auch oft brauchen. Ansonsten hat sich verglichen mit der 5dIII nicht viel getan. Meine IIIer werd ich behalten – immer muss ich nicht mit 50 Megapixeln fotografieren und einen zweiten Body brauch ich sowieso. Schade ist, dass der Iso-Wert maximal 6.400 beträgt – das hätte ruhig mehr sein können.